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Gewebeerinnerungen, Realitätenbüro, München, 2005

Eröffnungsrede, Rosa v.d. Schulenburg

Gregor fragte mich, ob ich bereit sei, einführende Worte zu seiner Ausstellung zu sprechen. Ich aber verstand: einfühlende Worte, was er noch besser fand, da er das übliche Reden von Kunsthistorikern über Kunst für eher überflüssig hält, insbesondere, wenn es sich um die Interpretation seiner Kunst handelt.

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Interpretation ist für ihn geradezu ein Unwort; denn seine Bilder würden keine Themen illustrieren und keine Geschichten erzählen, wären keine Transportmittel für Inhalte, deren Bedeutung es zu entschlüsseln gelte: Sie seien das, was sie sind: eben Bilder.Was eben Bild sei, könne freilich auch ein Ebenbild sein.

 

So lautet auch der Titel einer seiner Ausstellungen: „EbenBilder“. Und schon wird es vertrackt.Wie soll man das betonen? Je nach Betonung kippt „Ebenbilder“ wie ein Vexierbild in „eben Bilder“. Allein die wilde Metaphorik von Gregors Ausstellungstitel gibt zu denken und beflügelt die Phantasie. Bei „Demut und Altlasten“, so ein weiterer Titel, ziehe ich innerlich die Schultern hoch, in Anbetracht von Schwere.Wie viel Licht und Leichtigkeit steckt hingegen in dem Titel „Les tricots atmosphériques de la mort de couleur à Tahiti (das ist ein farbenfroher Tod, der gleich einer tropischen Frucht auf der Zunge schmilzt). Einfach ist es nicht nur mit diesen Sprachbildern eben keinesfalls.


Als ein von Natur aus eher fauler Mensch, fragte ich mich:Was fällt mir wohl leichter: einfühlen oder nachdenken? Ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen, denn ich bleibe bereits beim Ausstellungstitel hängen und dem damit einhergehenden oder davon abgesetzten Bild der Einladungskarte.

 

„Gewebeerinnerung“ – so der Titel der heutigen Ausstellung – ist eine, aus zwei ganz einfachen Worten – Gewebe und Erinnerung – gebildete Metapher. Sie ist uns aus der Alltagssprache aber nicht geläufig, und man mag (besonders bei der vom Künstler gewählten typographischen Präsentation) über das doppelte E der Verbindung stolpern, innehalten und sich vergewissern, dass man sich nicht verlesen hat. Und schon stellen sich Assoziationen ein. Die einen mögen bei Gewebe zuerst an textile Stoffe denken, nicht zuletzt in diesem Zusammenhang hier, an Bildträger aus Leinwand, aber auch an Körpergewebe, Zellverbände und deren lebenswichtige Funktionen. Und die Kenner der craniosacral Therapie denken noch weiter.


Ich bleibe gleich im konkret Stofflichen hängen:
Gewebe sind Gebinde aus Kett- und Schussfäden, die Halt und Schutz bieten, die etwas im positiven Sinne auffangen und bewahren können, aber auch Netze, die gefangen nehmen können. Gewebe geben einer immateriellen Struktur Substanz, Körper und Festigkeit, können aber auch reißen oder auf andere Weise geschädigt oder zerstört werden. Die Stofflichkeit eines Gewebes kann unterschiedlicher Natur sein: organisch oder anorganisch, greifbar oder virtuell. Die Knoten- oder Kreuzungspunkte und die Zwischenräume, die ein Gewebe ausmachen, bilden verschiedenartige Muster von unterschiedlicher Festigkeit, Dauer und Durchlässigkeit. Sie gründen auf bestimmten Informationen und dienen als Speicher, Träger und Boten von Informationen.Wenn sie reißen, sich auflösen oder umgekehrt: durch zu starke Verdichtung erstarren, geht eingelagerte oder eingefangene Information verloren.


Und schon sind wir bei der Erinnerung: Denn Information ist in unserem Sprachgebrauch etwas, das bereits vorhanden ist, das je und je aktualisiert, also jeweils auf’s Neue ins Gedächtnis gerufen werden kann. Erinnerung bedarf eines Speichers. Gewebe ist ein Speichermedium. Geschehnisse und Erlebnisse müssen in etwas einen unverkennbaren Eindruck hinterlassen, um erinnerlich zu sein.

Nun zum Bild der Einladungskarte, von dem sich das Titelwort gestochen scharf abhebt. Auch hier tut sich gleich ein ganzes Feld von Assoziationen auf: Rübezahl im Märchenhain, ein Geisterbote im Spinnwebwald, der ewige Wanderer auf der Suche nach Erkenntnis, mit dem Stock nach festem Halt im Nebulösen tastend. Man kann in der Gestalt den Künstler erkennen, muss aber nicht. Es bleibt so oder so ein Rest, der sich unserem Sinnen und Trachten nach Erkennen, Durchdringen und Begreifen entzieht, obwohl uns der Künstler – im übertragenen wie auch im direkten Sinne – doch offensichtlich entgegenkommt.Wir könnten nicht nur die Kleidung des Wanderers beschreiben, sondern sogar die Baumsorte an den silbrigen glatten Stämmen bestimmen:
Aber was ist das überhaupt für ein Bild: eine unscharfe Fotografie, vielleicht gar à la Thomas Ruff modisch aus dem Internet herunter geladen oder ein fotorealistisches Gemälde, das eine dieser notorischen Gerhard-Richter-Werkphasen zitiert? Wer weiß. Vielleicht wird man hier auf eine falsche Fährte gelockt: Eine schlichte Einführung in das, was die Ausstellung zeigt, wird hier jedenfalls nicht geboten. Auch wenn wir dem Titel gleich zweimal noch als Bildtitel begegnen werden.

 

Was wir zu sehen bekommen, sind Gemälde auf Leinwand, technisch aufwändig gemalt mit Eitempera und Enkaustik sowie mitWasserfarben kolorierte Zeichnungen und Graphik, umfangen von geschmiedeten Eisenrahmen, die in einer Hinterhofwerkstatt in Moabit maßgefertigt wurden, in Moabit, diesem Berliner Arbeiterviertel, in dem Gregor inzwischen lebt und arbeitet. Etliche der Leinwandbilder und der sogenannten „Tageszeichnungen“ sind von Menschen bevölkert, die individuelle Züge besitzen und doch anonym erscheinen. In anderen sind einfache Einrichtungsgegenstände skizziert sowie Interieur- und Landschaftsszenarien angeschnitten. In den Paar- und Gruppenbildern stehen Menschen in scheinbar wortloser Beziehung zueinander, und in den Einzeldarstellungen lassen sich Bezüge zu Bildfiguren in anderen Bildern herstellen. Die meisten scheinen Menschen aus dem Arbeitermilieu zu sein, was auch so mancher Bildtitel nahe legt, etwa „Arbeiter mit Haarlinie“, „Feierabend“ oder die Serie „The Darling Foundry“. Darling war der Name einer vor einigen Jahren still gelegten Gießerei in Montréal mit deren Geschichte sich Gregor während eines Arbeitsaufenthaltes in der kanadischen Metropole befasste.

 

Und der Titel der Zeichnungsserie „Tageszeichnungen“ bezieht sich auf die eigene tägliche Arbeitsleistung, das Tagwerk des Künstlers, und weniger auf die Zeitspanne der Entstehung bei Tageslicht. Zur Arbeitsleistung gehört – dies nur am Rande bemerkt – nicht nur das Zeichnen mit Blei- und Filzstiften, das Kolorieren mit Tempera- und Stempelfarbe (oder auch Sojasauce), sondern auch das abschließende Versiegeln des Blattes mit heißem, farblosen Wachs (was die Blätter angenehm duften lässt) oder – in einigen Fällen – auch das Auffinden und Montieren von Schlangenhaut und Wurstpelle.


Der geschäftige Arbeitsalltag selbst, mit seinen Routinen und dem jeweiligen Milieucharakter sind ihm freilich kaum Bildthema. Diese Menschen scheinen eher Zeit zu haben – womöglich nicht ganz freiwillig… Als hielte sie etwas fest: die Erinnerung, als präge diese sie. An was aber wird erinnert? „I can’t forget. But I don’t remember what” Diese Liedzeile Leonard Cohens gehe ihm nicht aus dem Kopf, so Gregor. Die ewige Wiederkehr des Gleichen, dessen wir uns nicht erinnern und dem wir nicht entgehen? Irgendwo wird der einprägsame Charakter, den Bilder – bewusst oder unbewusst – auf uns alle haben, wohl seinen Urgrund haben. Jedes Erkennen ein Widererkennen? Eine Gewebeerinnerung? Vielleicht eine trügerische?

 

Wer weiß. Befragen wir die Bilder; sie sind „Erinnerungshilfen“.