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Tageszeichnungen, Museum Goch, 2009

Eröffnungsrede, Rosa v.d. Schulenburg

Tageszeichnungen, das ist kein feststehender Begriff, aber Sie alle werden sich unschwer sofort etwas darunter vorstellen. Sie werden vielleicht vermuten, dass die Zeichnungen innerhalb eines Tages – und nicht über einen längeren Zeitraum – entstanden sind (und da vermuten Sie richtig) oder, dass sich die Bilder auf die Helligkeit des Tages und nicht auf das Dunkel der Nacht beziehen oder dass der Titel eine künstlerische Reflexion über die Zeiteinheit „Tag“, im Unterschied zur Stunde, der Minute oder dem Monat und dem Jahr anzeigt, oder dass Tageszeichnungen, tagesaktuelle Bilder sind, die ein Ereignis des jeweiligen Tages konservieren oder aber die jeweilige emotionale/mentale Tagesform des Künstlers mitteilen. Wie auch immer: Man darf ein Konzept bei diesen Zeichnungen vermuten, dass in spezifischer Weise mit Zeit zu tun hat. (Es sind eben nicht einfach Zeichnungen, es sind Tageszeichnungen.)

Was sofort ins Auge fällt, ist, dass die Bilder von Gregor Cürten gegenständlich/figurativ sind, sich also offensichtlich auf etwas außerhalb der persönlichen Tagesform oder der inneren Gestimmtheit des Künstlers beziehen.

Wenn Sie, geschätztes Publikum, nicht nur das Dargestellte registrieren, sondern durch meinen ausdrücklichen, ja fast schon ein wenig schulmeisterlichen Verweis auf den Titel aufmerksam geworden, noch genauer hinschauen, erkennen Sie am unteren Blattrand mit Bleistift zart, aber leserlich geschrieben jeweils einen Bildtitel und ein konkretes Datum. Der Verdacht liegt nahe, dass das Datum den Tag der Bildproduktion benennt; das was die Blätter aber zeigen, kann sich unmöglich in allen Fällen auf ein Ereignis oder Zustände von Orten und Menschen des jeweiligen Tages beziehen. Denn die Tagesdaten sind noch recht frisch, aus den Jahren 2006 bis 2009 und die Personen auf vielen der Bilder sehen eher aus, als entstammten sie einer anderen Zeit und Welt, als fände sich in den Bilder Gregor Cürtens eine Art Widerschein ihrer de facto längst verblassten Existenz. Hat sich der Künstler auf Phantomsuche begeben und Schatten der Vergangenheit auf’s taghelle Papier gebannt?

Einige Bildtitel scheinen diese Vermutung zu erhärten. Bei einem Blatt lesen wir „Jörg F. ’54“ und wir erkennen einen Buben, dessen Haarschnitt, ja vielleicht sogar dessen Körperhaltung an die 50er Jahre erinnert. Wer aber war dieser Jörg F., der vielleicht 1954 sieben Jahre alt war und so aussah?

Und auf einem anderen Blatt mit dem Datum 7.12.2007 gibt der Titel lapidar das Jahr „1958“ an zu der Darstellung eines Fassadenausschnitts mit dem Schriftzug „Chemie Grünenthal GmbH“. Vielleicht werden jetzt Einige unter Ihnen – die Ältern – stutzen, so wie ich, die ich 1958 geboren bin und die Dank der gerade in den letzten Jahren wieder aufgekommenen Diskussion um die Entschädigung von Conterganopfern weiß, dass die Firma Grünenthal, das Arzneimittel Contergan entwickelt hat und dass dieses Vergangene bis heute Aktualität besitzt.

Auf einer weiteren Zeichnung sehen wir einen Mann mit schwarzem Anzug und Hut von uns abgewandt eine leichte Anhöhe mit Zaun oder Geländer hochsteigen. Seine Körperhaltung drückt nicht Konzentration auf einen vielleicht etwas mühseligen Anstieg aus – zumal die dunkle Gestalt in weißem Nichts aufsteigt, ohne nach Halt zu suchen. Auf diesem von Helligkeit umgebenen Menschen lastet sichtlich die Schwermut und zugleich ist ihm der Boden entzogen. „Robert W.“ lautet der karge Titel, der nur andeutet, aber nicht verrät, dass es sich um den großen Dichter Robert Walser handelt, der hier zu seinem letzten Gang in der Schweizer Heilanstalt aufgebrochen ist, von dem er nicht mehr zurückkehren sollte.

Ausgangsmaterial für die visuelle Anverwandlung von etwas Vergangenem war für Gregor Cürten in diesem Fall ein historisches Foto (wo und wann er es gesehen hat, weiß er gar nicht mehr so genau zu sagen). Nicht selten inspirieren ihn Aufnahmen aus Familienalben, keineswegs nur die eigenen Privatfotos, ebenso Archiv- oder Zeitungsbilder oder zufällig im Außenraum entdeckte Bildszenen, auch wenn sie bereits verblasst oder Fragment sind, etwa auf einem Plakatfetzen an einer Mauer oder in Medaillonform auf einem Grabstein. Nicht zuletzt ist ihm das, was sich ihm als Bild realiter einprägt hat, beispielsweise das sanfte Sterben seiner Mutter im Krankenhaus, das er an ihrem Bett sitzend begleitet hat, konkretes Motiv für sein Grundthema.

Die Zeit ist sein Thema, der Versuch der Entschleunigung, Verinnerlichung, das Erfassen einer Atmosphäre, eines Klangs, Geruchs. Bilder bilden für Gregor Cürtens Spurensuche die Grundlage. Häufig sind es, wie gesagt, Schnappschüsse, Amateurfotos, profane Zeitungsbilder oder aber das – metaphorisch gesprochen – Bild, das sich einem in einer bestimmten Situation vor Ort unauslöschlich einprägt – wie der Tod der Mutter oder eine Landschaft voller Blütenduft und Vogelgezwitscher. Sämtliche Vor-Bilder, von denen die Suche nach der Zeit ihren Ausgang nimmt, sind keine eyecatcher, keine Jahrhundertbilder/keine Ikonen der jüngsten Vergangenheit, eher Bilder, die formal und inhaltlich keine besonders augenfällige Attraktivität besitzen, aber in denen das Auge des Künstlers das bildmagische Potential entdeckt.

Es ist eine Art Magie, die sich mit Worten schlecht beschreiben lässt, aber in der visuellen Anverwandlung, in ihrer Wiederaufnahme, Neuinterpretation durch Gregor Cürten sinnlich wirksam wird und zugleich zu denken gibt – wenn wir uns darauf einlassen und innehalten.

Die Bildtitel sind bewusst kryptisch, weil der Künstler die Betrachter nicht auf konkrete, rein persönliche Fährten locken möchte – nur für Kunsthistoriker, die das Interpretieren partout nicht lassen wollen, gibt es quasi diese potentiell entschlüsselbaren Wegzeichen, die uns dann erlauben, Dinge konkret zu benennen – so wie ich vorhin mit den Hinweis auf Contergan, Robert Walser und den Tod der Mutter, ohne dass aber mit dem, was man herausgefunden hat, das Eigentliche gesagt wäre.

Das Eigentliche ist dieses Unsagbare des Bildes, jenes Moment des Zeitlichen. Der Akt des Zeichnens ist bereits ein Echo, mit der ihm wesenseigenen zeitlichen Verzögerung; die Zeichnung selbst Relikt einer Erinnerungsarbeit. Das, was Stift und Pinsel festzuhalten suchen, ist immer schon Gewesenes, unerreichbar im Zeichenakt und trotz seiner Vergeblichkeit hat es in der künstlerische Anverwandlung Gegenwart und Zukunft. Echtzeit besitzt die Zeichnung im Auge des Betrachters, wenn er sich vom Bild des Bildes wiederum ein Bild macht.

Der Ethnopsychoanalytiker Fritz Morgenthaler, mit dem der Künstler gefreundet war, schrieb einmal, dass der Analytiker „der verspätete Gast“ sei, der aus den Essensresten und den Spuren des Verzehrs auf den einst frisch gedeckten Tisch schlösse. Der Bildanalytiker – und als solchen möchte ich Gregor Cürten bezeichnen – ist auch so ein verspäteter Gast in unserer bildersatten Zeit. Er betrachtet die achtlos weggelegten Bilder, die kollektiven und unverdauten Bilderreste, sucht sie zum Sprechen zu bringen, in dem er in seinen Bildern einen Widerhall erzeugt und uns offeriert, auf das Echo zu lauschen.