gregorcuerten.com

Wahlvergangenheit, Zweigstelle Berlin, 10.09.2009

Ralf F. Hartmann

„An allen Naturwesen, die wir gewahr werden, bemerken wir zuerst, dass sie einen Bezug auf sich selbst haben. Es klingt freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich ohnehin versteht; doch nur indem man sich über das Bekannte völlig verständigt hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten.“ So beginnt ein bürgerlicher Hauptmann Anfang des 19. Jahrhunderts seinen adligen Gönnern und Freunden, Baron Eduard und seiner Frau Charlotte, das Wesen der Wahlverwandtschaften chemischer Elemente zu erklären.

Viele dieser Elemente, so der Hauptmann, behaupteten wie z.B. das Quecksilber oder das Öl - wenn man sie gewähren lasse - ihre Eigenheit und Autonomie, formten sich immer wieder zu abgeschlossenen Kügelchen, und dennoch gebe es nicht wenige Möglichkeiten, sie durch raffinierte Verfahrensweisen miteinander in Beziehung treten und sich vermengen zu lassen. Kaum, dass man diese technischen Einflüsse unterbreche, trennten sie sich aber wieder voneinander und bildeten zunächst erneut Kügelchen und bald darauf wieder Flüssigkeiten.

Es ist bezeichnenderweise die Baronin Charlotte, die diese vom Hauptmann sachlich dargelegten Phänomene der Naturwissenschaften umgehend in einen Bezug zum menschlichen Leben bringt und daraus für sich beinahe so etwas wie eine Soziologie der Erinnerung formuliert:

„Es fehlt nicht viel“, so Charlotte, „so sieht man in diesen einfachen Formen die Menschen, die man gekannt hat, besonders aber erinnert man sich dabei der Sozietäten, in denen man lebte. Die meiste Ähnlichkeit jedoch mit diesen seelenlosen Wesen – also den chemischen Elementen - haben die Massen, die in der Welt sich gegenüber stellen, die Stände, die Berufsbestimmungen, der Adel und der Dritte Stand, der Soldat und der Zivilist.“

„Und doch“, so antwortet ihr Mann Eduard, „wie diese durch Sitten und Gesetze vereinbar sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt Mittelglieder, dasjenige zu verbinden, was sich einander abweist.“

Soweit eine kurze Sequenz aus Johann Wolfgang Goethes 1809 erschienenem Roman „Die Wahlverwandtschaften“, seinem – neben Werther und Faust – bis heute wohl bekanntestem Werk.

Nun befinden wir uns heute Abend nicht in der chemischen Welt und nicht am Beginn des 19. Jahrhunderts, sondern in der ersten Berliner Einzelausstellung des Malers Gregor Cürten, die er – die Wahlverwandtschaften paraphrasierend – unter den Titel „Wahlvergangenheit“ gestellt hat.

Und man erkennt beim Blick über Leinwände und Zeichnungen eine ganze Reihe solcher – wie Charlotte sagt - Naturwesen, die zunächst allein einen Bezug auf sich selbst haben und sich scheinbar voneinander abwenden, die aber durch einen Mittler - wie eine weitere zentrale Figur in Goethes Roman heißt – miteinander verbunden werden. Wie Repräsentanten verschiedener Zeiten und gesellschaftlicher Gruppierungen stehen sie sich gegenüber, die älteren Herren mit Hornbrillen, die Mädchen und Jungen in kurzen Röcken und Hosen, jene bekannten Figuren der Zeitgeschichte und solche, die dem Vergessen der Geschichte anheim gefallen sind. Sie alle finden sich in dieser Wahlvergangenheit zusammen wie in einer dezidiert persönlichen Ahnengalerie des 20. Jahrhunderts und dokumentieren so eine subjektive Genealogie jener Jahre und ihrer Protagonisten, die den Künstler – oder sagen wir Mittler - Gregor Cürten geprägt haben, die sein unmittelbares und mittelbares Lebensumfeld bestimmten, die seine Wahrnehmung schulten, seine Überzeugungen definierten und ihm bis heute gleichermaßen bekannte wie unbekannte Begleiter auf seinem Weg durch das Leben und die Kunst sind.

Nun stellt diese Versammlung verschiedener Figuren aber in keiner Weise ein irgendwie geartetes Resümmee der vergangenen Jahre dar, sondern das parallele Sehen und in Beziehung Setzen ist bereits seit langem das dominante Arbeitsprinzip im Werk Gregor Cürtens. Der Künstler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Phänomenen der Erinnerung. Der Erinnerung als einer bisweilen riskanten Konstruktion des menschlichen Gehirns, die überwiegend durch Personen verschiedener Zeitebenen, verschiedener gesellschaftlicher, kultureller und politischer Kontexte und gleichermaßen aus dem persönlichen Lebensumfeld wie dem medialen Archiv der zurückliegenden Jahrzehnte stammend, repräsentiert wird.

Das Personal der Bilder von Gregor Cürten repräsentiert somit zum einen die ganz subjektive Erinnerung des Künstlers, zum anderen jene offizielle Historiographie, die sich neben den Ereignissen ganz prominent auch über deren zentrale Figuren in unser Gedächtnis einschreibt.

Genau dieses Funktionieren unseres Gedächtnisses aber beschäftigt Gregor Cürten, wenn er seine großen Leinwände und die weitaus kleineren Tageszeichnungen erarbeitet. Und wenn man einmal, wie in dieser umfassenden Einzelausstellung, die Gelegenheit hat, den Bildkosmos des Künstlers in größerem Umfang und in seinen motivischen wie inhaltlichen Verbindungen und Bezügen zu betrachten, wird sehr schnell deutlich, dass alle Versuche, aus dieser Bildwelt eine komplexe und zusammenhängende große Geschichte zu konstruieren, zum Scheitern verurteilt sind.

Entgegen vielen seiner figurativ arbeitenden Malerkolleginnen und –kollegen, erzählt Gregor Cürten keine Geschichten, konstruiert keine narrativ angelegten Sequenzen, sondern fokussiert unseren Blick in seiner umfassenden Bildgenealogie stattdessen auf den einzelnen, vielleicht kann man sagen: den vereinzelten Gegenstand bzw. weitaus deutlicher auf die Figur. Und es sind überdies nicht die mimetischen Abbilder von Figuren, sondern es sind weitgehend abstrahierte Portraits, deren mediale Brechung an nicht wenigen Stellen deutlich spürbar wird.

Denn die Vorlagen seiner Bilder findet der Künstler in Fotografien, die sowohl aus dem persönlichen Umfeld stammen oder die ihm von Freunden geschenkt werden, die er aber auch in Büchern und Zeitschriften entdeckt oder den modernen Massenmedien entnimmt.

Und beinahe immer scheint es, als Blicke man durch diese Bilder auf bestimmte Ausschnitte einer Szene, als fokussierten sie signifikante Details und die kleinen Szenen am Rande. Momente also, die in der Anlage der Vorlagen eher hinter einem – wie auch immer gearteten - zentralen Motiv zurückstehen und gewissermaßen dem offiziellen Blick einen – fast kann man sagen – konspirativen zur Seite stellen.

Konspirativ insofern, als uns Cürten in seiner Wahl spezifischer Personen, Szenen und Ausschnitte auf eine Spur zu bringen scheint, die die beschrittenen Wege verlässt und an manchen Stellen gewissermaßen einen Vorhang zur Seite schiebt, der den Blick hinter die Kulissen, hinter das Vordergründige, hinter das Interessante und als bekannt im Bild Inszenierte freigibt. Auf solche Szenen des Beiläufigen also, auf die Augenblicke des Unbeobachteten oder des unbeobachtet bleiben Wollens, auf das Nebensächliche, weniger Relevante, manchmal auch Peinliche oder gar Falsche, das man in dem Moment schnell zu übersehen vermag, wenn Bilder als wahrhaftige Medien der Erinnerung und der Vergegenwärtigung dienen sollen.

Und so vermischen sich in Gregor Cürtens Bildern auch zwei wesentliche historische Impulse für die Fotografie miteinander: Das medial eingesetzte und öffentliche Foto als anerkanntes Dokument und jenes volkstümliche Fotografieren, das dem privaten Gebrauch, dem alltäglichen Benutzen und der subjektiven Rückerinnerung dient. In diesem Moment stehen sich Öffentlichkeit und Privatheit ganz unmittelbar gegenüber, vermischen sich kollektives und subjektives Gedächtnis miteinander und fangen an, sich gegenseitig Fragen zu stellen, Wahrheiten zu bestätigen oder Fehler zu überprüfen:

Der junge Heiner M, 1930, befragt eine Gruppe von drei Kindern auf der Straße, Ulrike Marie M befragt die angeheiterten Damen einer Privatparty, der gegenwärtige Umgang mit medial basierter Malerei prüft die historischen Funktionen früherer Fotografien.

Und immer wieder entstehen daraus neue Blickperspektiven und Konnotationen, rufen die Bilder in ihren diversen Gegenüberstellungen andere subjektive Reaktionen bei den Betrachtenden hervor, vermengen sich positive mit verstörenden Empfindungen, werden alte Wahrheiten bestätigt oder neue entwickelt, um sie gleich wieder in Frage zu stellen.

Gregor Cürtens Bildwelten mit unseren rationalen Strukturierungsmodellen näher zu kommen ist nur schwer möglich, denn sie gehorchen keinerlei bestätigten Parametern. Weder lassen sie sich chronologisch nach Zeitebenen ordnen, noch logisch nach nachvollziehbaren Anlässen oder Ereignissen bzw. erzählten Geschichten systematisieren, noch lassen sie sich in private und offizielle unterscheiden.

Vielmehr entwickeln diese Bilder jenseits aller figurativen Narration ein bildanalytisches künstlerisches Konzept, das sich zunächst einmal über das Bekannte verständigt, um zum Unbekannten vorzudringen.

Gregor Cürten setzt parallele Strategien des Sichtbarmachens und Ausblendens ein, um nicht nur seine persönlichen Wertungen und subjektiven Auswahlkriterien zu erkennen zu geben, sondern um letztlich einem Wahrheitsgehalt von Bildern nahezukommen, der sich jenseits des Bekannten erst im Unbekannten eröffnet . Seine Arbeiten destillieren aus dem Umgang mit dem Bildgedächtnis ganzer Generationen eine gleichermaßen beklemmende wie absurde Banalität alltäglicher Szenen, die immer wieder in ein konfrontatives Verhältnis zu herausragenden Persönlichkeiten und Ereignissen der Zeitgeschichte gesetzt wird. Sie stellen so die wesentliche Frage danach, wie das menschliche Gehirn wertet, auswählt und archiviert, wenn es nicht logisch, inhaltlich oder chronologisch vorgeht, sondern stattdessen sowohl Wahres als auch Unwahres bzw. sogar Falsches festhält und immer wieder verfügbar macht.

Gerade um diese noch weitgehend unbekannten Mechanismen des menschlichen Gedächtnisses geht es dem Maler, wenn er sein subjektives Bildarsenal mit jener offiziellen Bildwelt der Geschichte abgleicht, um Verwerfungen, Überblendungen und Korrekturen kritisch zu analysieren und sie im Medium der Malerei nachvollziehbar werden zu lassen. Denn genauso wie die Bilder zunächst einmal nur auf sich selbst Bezug zu nehmen scheinen, treten sie auch in einen Dialog, gehen Verbindungen und Verwandtschaften ein, lassen aber einzelne Zeitebenen ebenso auch zu Wahlvergangenheiten werden.

Um diesen Prozess der Annäherung und Synthese zu ermöglichen braucht es einen Vermittler, um noch einmal zu den Wahlverwandtschaften zurückzukommen. Denn bevor die einzelnen Elemente wieder zu holistischen Einheiten, zu den kleinen Kügelchen der chemischen Stoffe werden, haben sie sich vermischt und verbunden. Aber wie in Goethes Roman nicht unbedingt immer zu harmonischen Einheiten und befriedeten Vergangenheiten, sondern zu bisweilen prekären Paaren, dramatischen Konstellationen und riskanten Alliancen, die draus resultieren, das eine kollektive Erinnerung mitunter hart auf eine individuelle trifft.

Und so bringen Gregor Cürtens Arbeiten dieser Ausstellung Bilder zusammen, die sich in ihrem Nebeneinander kaum dechiffrieren lassen, sondern deren Kombination uns eher auf jene Spur des Unbekannten bringt, das sich hinter dem Bekannten in einer neuen Zusammensicht der Dinge, Zeiten und Geschichten verbirgt.

In Hinblick auf die Allmacht der aktuellen medialen Bilderpolitik stellt Cürtens Bildkonzept so unseren dramatisch unkritischen Umgang mit ihr an den – für meine Begriffe - neuralgischen Punkten auf überzeugende Weise in Frage.