gregorcuerten.com

Galerie Helga Hofman, Alphen aan den Rijn, 10.06.2012

Rosa von der Schulenburg

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

entschuldigen Sie, dass ich nicht Ihre schöne Sprache spreche, die so wunderbare, bildhafte Worte wie potdicht oder bromfiets hat. Ich darf meine kleine Einführung zu den Bildern von Gregor Cürten in Deutsch halten, und ich durfte schon einmal im Museum de Fundatie in Zwolle die schöne Erfahrung machen, wie kosmopolitisch man in den Niederlanden ist, dass eine deutsche Rede nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert wird.

Im Deutschen gibt es auch ganz nette, sprechende Formulierungen wie, von Angesicht zu Angesicht oder jemanden unverwandt ansehen. Das klingt wohl nicht so schön lautmalerisch wie brommer, hat aber auch etwas Ansprechendes. Unverwandt – als sei jemand wohl nicht mit einem verwandt, stelle aber durch den Blickkontakt eine enge Verbindung her. Unverwandt blicken, d.h. mit einer besonderen Konzentration und Dauer etwas oder jemanden anschauen.

Ich finde, auf Gregor Cürtens Bildern blicken so manche Gesichter uns unverwandt an oder sie blicken unverwandt auf etwas Drittes, das ebenfalls – so wie wir Betrachter auch – außerhalb des Bildes liegt. Sie blicken unverwandt auf etwas, das sich uns wie ein Geheimnis entzieht und uns wie ein Geheimnis anzieht. Etwas Verborgenes, ein geheimer Sinn.

Die meisten Bilder von Gregor Cürten sind Porträts, Porträts von berühmten und bedeutenden Menschen des 20. Jahrhunderts, Schriftsteller und Filmemacher, Maler und Musiker, Politiker und Widerständler, tote und lebende Legenden, auch weniger bekannte, stillere Stars. Sie werden viele der Gesichter kennen: das von John Cage, Andy Warhol, Lucian Freud, John Cassavetes, Jeroen Krabbé, Renée Soutendijk, Anton Corbijn, Theun de Vries, Hanni Schafft, David Hockney, Bas Jan Ader, Whitney Houston, Lenin, Mata Hari.

Gregor Cürten hat in diesen Porträts aber auch unbekannte, namenlose Kinder, Frauen und Männer verewigt, wie diese Männer etwa, die schweigsam, jedoch mit sprechender, differenzierter Mimik hinter einer halb transparenten Barriere auf etwas zu warten scheinen. Der Titel des Bildes „Feierabend“ legt die Vermutung nahe, dass hier Männer nach getaner Arbeit sich ein Vergnügen gönnen. Es könnte sein, dass sie am Tresen einer Kneipe stehen und auf ein Bier oder Essen warten. Eigentlich eine triviale, unspektakuläre Alltagsszene und doch merkwürdig dieser Ausdruck, diese Atmosphäre. Als sei die Zeit angehalten, als habe jemand diese Gestalten verzaubert. Ein kurzer Moment, der unwiederbringlich vergangen ist und doch im Bild dauerhaft präsent bleibt, zudem in alter, meisterlicher Maltechnik, mit Eitempera und mit Farbpigmenten in geschmolzenem Wachs gemalt. Letzteres nennt man Enkaustik.

Beide Techniken, Eitempera und Enkaustik sind seit 2500 Jahren bekannt und haben sich bewährt. Diesen Maltechniken verdanken wir nicht nur den guten Erhaltungszustand vieler überlieferter Mumienporträts und Ikonen; auch im 21. Jahrhundert ist diese Art der Malerei keineswegs antiquiert. Aber sie ist etwas für Kenner, die die Herstellung der Farbe und ihren Auftrag beherrschen und für Kunstkenner und Kunstsammler, die deren besondere Wirkung, die faktische und die symbolische zu schätzen wissen. Also etwas für uns: Denn wir wollen ja, dass nicht nur die Kunst als Idee unser viel zu kurzes Leben überdauert (vita brevis, ars longa), sondern auch ganz konkret die Bilder der Künstler, wenn wir sie kaufen, wenn wir Kunst sammeln. Diese Bilder hier veralten nicht; sie sind langlebig, bleiben frisch – auch in dem Sinne, dass sie Erinnerung wachhalten. Das erstaunliche ist, dass wir die Ereignisse oder die Menschen, an die diese Bilder erinnern, gar nicht kennen müssen, um uns dem Zauber des Erinnerns hingeben zu wollen. Es liegt im Ausdruck des Dargestellten.

Schauen Sie sich beispielsweise „Walden – Semina“ an. Das Bild ist auch auf der Einladungskarte abgedruckt. Der Titel verweist auf Henry David Thoreaus berühmtes Buch „Walden. Leben in den Wäldern“, und das Holzhaus im Hintergrund ähnelt jener berühmten Hütte, in dies sich der Aussteiger Thoreau einst zurückzog und „Walden“ schrieb. „Semina“ war ein Insider-Magazin der Beatgeneration. Es gab nur wenige Nummern, aber in Semina haben William Burroughs und Allen Ginsberg veröffentlicht und auch diese heute unbekannte Dichterin, deren Foto 1959 eines der Cover zierte.

Es gibt zu jedem Bild eine „story behind“, eine Bildgeschichte, die durchaus interessant ist. Aber sie ist nicht das Eigentliche.

Der Künstler arbeitet wohl auch „nach der Natur“, noch lieber aber beschäftigt er sich mit bereits vorhandenen Bildern, mit denen wir uns ein Bild von der Welt und von den Menschen machen. Ich kenne einige der Bildvorlagen – Zeitungsfotos, Familienalbumbilder, Filmstills und andere Medienbilder – auf die sich Gregor bezieht. Selbst wenn bekannte Menschen auf den Fotos sind, so sind es meist keine besonderen Fotografien, keine spektakulären eyecatcher, keine Starfotos. Es sind eher Bilder, die formal und inhaltlich keine augenfällige Attraktivität besitzen, aber in denen das Auge des Künstlers offenbar ein bildmagisches Potential entdeckt. Ich bin immer wieder verblüfft, was Gregor in diesen Bildvorlagen zu entdecken weiß. Es steckt wohl potentiellen in allen Bildern eine Art Magie, die sich mit Worten schlecht beschreiben lässt, die aber in der bildkünstlerischen Anverwandlung, in der visuellen Bildbefragung, Neuinterpretation durch Gregor Cürten sinnlich wirksam wird. Wie in einem alchemistischen Prozess entsteht etwas Neues und zugleich ein „typischer Cürten“ mit dem ihm eigenen unverwechselbaren Ausdruck. Es liegt nicht nur an der Freiheit seiner Linienführung und Farbgebung bei der Aneignung von vorgefundenem Bildmaterial und an der kühnen Kombination von ursprünglich nicht zusammen gehörendem. Es ist alles zusammen: Es ist sein eigentümlicher Stil der Anverwandlung und gleichzeitigen Verfremdung.

Lassen Sie mich noch ein paar Sätze zu einem besonders auffälligen Verfremdungseffekt in den Bildern sagen, den großen roten Punkten. Sie prangen leuchtend Rot vor allem auf den Nasen, schweben aber auch bei einigen Bildern gleich einem glutroten Sonnenball in der Luft. Mitten in den Gesichtern platziert, wirken die kreisrunden roten Flächen wie Clownsnasen. Die rote Nase ist das markanteste Zeichen für den Clown. John Cage, dem Gregor solch eine rote Nase verpasst hat, hat sich selbst als Clown bezeichnet und hatte keinerlei Angst, sich zum Narren zu machen. Aber Lenin als Spaßvogel? Auch der grande dame der feministischen Kunst Louise Bourgois war es mit ihrer Demontage der Phallokraten Ernst.

Die rote Scheibe mitten ins Gesicht montiert, ist – Sie merken es sofort – ein Bildzeichen mit einer ungeheuren, sehr ambivalenten Symbolkraft. Diese symbolische Potenz ist uns nicht so ganz geheuer. Sie ist subversiv und unberechenbar; sie kann Götter und Helden entthronen, ihre Montage also ein Sakrileg sein.

Denen, die in unseren Augen wirklich Größe besitzen, kann die Clownsnase freilich nichts anhaben. Im Gegenteil: Sie betont in besonderer Weise die Souveränität der dargestellten Person. Die rote Nase wirkt wie ein Verstärker unserer Sympathien und Offenheit einerseits oder aber unserer Skepsis, unserer ideologischen Fixierung, unserer Ängste und Abneigungen andererseits. Der Dalai Lama oder König Beatrice mit roter Nase – in meinen Augen keine Respektlosigkeit; sondern eine Sympathiebekundung, eine besondere Auszeichnung mit anarchisch fröhlichem Gestus.

Meine Damen und Herren, vielleicht haben diese großen roten Punkte auch hypnotisches Potential und bringen Sie, verehrte Gäste dazu, einen kleinen roten Punkt neben das Bild setzen zu wollen.